Immer wieder wird in den Medien unter dem Thema "Klimawandel" auch der Ruf nach einem klimagerechten Waldumbau laut. Forstwissenschaftler warnen vor einem „Weiter so“ in der Forstwirtschaft und fordern Veränderungen[1]. Die Politik reagiert und stellt Hilfen für Waldbesitzer bereit, wenn sie ihren Wald „klimaresistent“ machen wollen. Die Forstverwaltungen touren nun durchs Land und warnen vor dem Fichtensterben durch Trockenheit und Borkenkäfer, aber auch dem Buchen- und Erlensterben. Sie bieten Hilfen an bei der Auswahl der zu rodenden Flächen, bei der Holzvermarktung, bei der Auswahl der klimaresistenten Neubepflanzung, für die Antragstellung zu den Fördermaßnahmen und der Durchführung der Arbeiten[2].
Andererseits stehen bei der Forstverwaltung auch monetäre Interessen im Focus. In einem Beitrag in der Neuen Württembergischen Zeitung (NWZ) vom 23. Juli 2026 erfährt man von „47 Millionen Euro Gewinn im Forst“. Der Holzverkauf gestalte sich schwierig, da die Nachfrage nach Nadelholz nicht gedeckt werden könne und der Brennholzverkauf und der Buchenverkauf für Möbelholz nicht zufriedenstellend läuft. Deshalb sollen weitere Geschäftsfelder entstehen, die mehr versprechen, wie der Verpachtung der Flächen für Windkraft-Standorte und Photovoltaik-Projekte. Damit wird einer industriellen ökonomischen Nutzung des Waldes Vorschub geleistet. – Der Staatsapparat braucht Geld!
Somit stellt sich die Frage, ob mit dem „klimaresistenten Waldumbau“ nicht auch noch zusätzlich Einnahmequellen bei den Privatwaldbesitzern erschlossen werden sollen. Neben Fördermaßnahmen, die ausgeschrieben werden, stehen Einnahmen in der Vermarktung des Holzeinschlags gegenüber. Angefangen von der Bewerbung von Holz als alternativer Brennstoff in Hackschnitzelheizanlagen oder Pellets-Öfen, bis zur Verwendung in Biogasanlagen, oder aber im Hausbau, hat sich ein breites privatwirtschaftliches Marktsegment gebildet, das darauf angelegt ist, Gewinne zu erzielen.
Die Gesetzgebung mit ihren Förderkriterien bewirkt jedenfalls, dass nicht mehr nur einzelne Bäume über einen längeren Zeitraum entnommen werden, sondern forciert die Rodung ganzer Flächen. Die Verwaltungsvorschrift des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz über die Gewährung von Zuwendungen für Nachhaltige Waldwirtschaft (VwV NWW)[3] bemerkt unter dem Punkt 3.6 Mindestflächen:
„Maßnahmen nach den Teilen A, B und F müssen, sofern sie flächenbasiert sind, um für eine Förderung in Frage zu kommen, eine zusammenhängende Mindestfläche von 0,1 Hektar aufweisen. Dies gilt auch bei einem Aufeinandertreffen von Naturverjüngung und Wiederaufforstung auf einer Fläche, bei einem dynamischen Verjüngungsfortschritt über mehrere Jahre und bei Erstaufforstungen mit nur teilweiser Aufforstung insbesondere aufgrund einer amtlichen Auflage.“ [4]
Damit ist eine Mindestfläche von 0,1 ha = 20 m x 50 m = 1000 m² an älterem Waldbestand mit seiner Biotopfunktion verloren. Rückestraßen für die schweren Harvester verdichten den Boden, zur Neubepflanzung müssen Unterholz und Totholz entfernt werden. Die Flächen heizen sich auf und fallen trocken. Bis dort wieder ein gleichwertiger Ersatz nachwächst, dauert es mehrere Jahrzehnte.
Wie wir vom Verein Mensch Natur selbst erfahren haben, trifft dies nicht nur Lebensräume von Kleinvögeln, Fledermäusen, Amphibien und Insekten, es betrifft auch das Umfeld der Habitatbäume von Großvögeln, wie Milane, Habichte und Mäusebussarde. Sie benötigen den Schutz von geschlossenen Baumkronendächern gegen Störungen wie Eierdiebe und Fressfeinde. Vereinzelt stehengebliebene „Biotopbäume“ nutzen wenig, wenn das zugehörige Umfeld an Kronendach und Unterholz entfernt wird. Das Horsthabitat ist damit verloren.
Kritik an den Maßnahmen wird laut. Der NDR berichtet in dem Beitrag „Kritik an Waldumbaumaßnahmen im Klövensteen“ vom 21.03.2025:
„Der Wald soll klimafit gemacht werden. Naturschützer bemängeln jedoch die Art und Weise, wie dies geschieht.“
Das Video kann in der ARD-Mediathek noch bis zum bis 21.03.2027, 19:30 Uhr, abgerufen werden.
Die Naturschutzinitiative (NI) beklagt in dem Sonderheft „Rechtswidrige Forstwirtschaft in Deutschland?“ von 2022 die Auswirkungen forstwirtschaftlicher Nutzungskonzepte und -praktiken auf die Vorgaben von EU-Biodiversitätsrichtlinien und Naturschutzgesetze.
Die Succow-Stiftung hat eine Kritik zum Klimaschutznarrativ der Nutzung von „nachwachsenden Rohstoffen“ herausgebracht. Das Buch „Der Holzweg – Wald im Widerstreit der Interessen“ von 2020 befasst sich mit der Kritik an verfehlten Forstpraktiken und soll ein dringender Appell an die Politik darstellen, den öffentlichen Wald als gesetzlich auferlegte Vorbildfunktion der Daseinsvorsorge für Natur und Menschen zu werten.
Peter Wohlleben beschreibt in seinem Buch „Holzrausch: Der Bioenergieboom und seine Folgen“ von 2008 die Konsequenzen der energetischen Biomassenutzung auf die Umwelt. Kritisiert werden dabei die gesteigerte Nachfrage nach Pellets, Biodiesel und Biogas. Es werden dabei die negativen Effekte von intensivem Holzschlag und Monokulturen beleuchtet. Der Spiegel hat damals berichtet: „Raubbau fürs Klima“.
In einem Interview mit den ntv-Nachrichten in 2024 kritisiert Wohlleben den Vorstoß des damaligen Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft, Chem Özdemir, zur Änderung des Bundeswaldgesetzes. Er betreibt auch den Youtube-Kanal „Peter und der Wald“ mit interessanten Betrachtungen zum Ökosystem Wald.
Aber auch Prof. Dr. Andreas Schulte zeigt in seinem Kanal „Cum Tempore“ die Serie „Fake Facts Forst“. Sie beschäftigt sich mit den öffentlichen Un- und Halbwahrheiten über das Thema „Wald – Klima – Mensch“ und stellt gut recherchiertes Wissen in Form von Daten und Analysen kritisch gegenüber. Wir haben bereits in unserem Beitrag „Cum Tempore – der neue Zeitgeist“ über den Youtube-Kanal von Prof. Dr. Schulte berichtet.
Grundsätzlich bleibt die Diskrepanz zwischen dem Bestand unserer naturnahen Wälder heimischer Prägung, die seit Jahrtausenden den klimatischen Veränderungen getrotzt haben und der Nutzung für Industrie- und Bauholz in Form von Plantagen, die ihre eigenen Probleme haben, wie Insekten- und Pilzbefall, oder auch die Gefahr verheerender Waldbrände in sich bergen, wie Peter Wohlleben in seinem Youtube-Video erklärt:
Fußnoten:
[1] „Wälder der Kindheit verschwinden“ Neue Württembergische Zeitung vom 8. Juni 2026
[2] „Wie durchforste ich meinen Wald richtig? – Fortbildung für den Privatwald“ Forstverwaltung Landkreis Göppingen (23.10.2026) und „Die Fichte im Klimawandel – Pflegemaßnahmen für stabile Privatwälder“ (6.11.2026)
[3] https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/VVBW-VVBW000033567
[4] https://www.landesrecht-bw.de/perma?j=VVBW-MLR-20200713-SF3.6


